Unter dem Talkessel von Stuttgart bewegt sich ein Wasserkörper, den kaum jemand je zu Gesicht bekommt. Er hat für seinen Weg dorthin fast zwei Jahrzehnte gebraucht, er trägt Gas aus mehr als dreißig Kilometern Tiefe, und er hat der Stadt eine Regel auferlegt, die für jedes Fundament und jeden Tunnel gilt.
Ein verborgenes Wassersystem unter einer deutschen Großstadt
Rund 44 Millionen Liter Mineralwasser treten in Stuttgart täglich aus dem Untergrund. Erschlossen ist das Vorkommen über 19 Bohrungen und die weitgehend naturbelassene Mombachquelle, dreizehn der Fassungen sind staatlich anerkannte Heilquellen, und nahezu alle liegen in Bad Cannstatt und in Berg. Nach Budapest verfügt die Stadt damit über das größte Mineralwasservorkommen Europas. Die Landeshauptstadt dokumentiert Herkunft, Quellen und Nutzung dieses Vorkommens selbst.
Die Zahl allein sagt wenig darüber, was mit dem Wasser dann geschieht. Etwa die Hälfte fließt ungenutzt und unbemerkt in den Neckar. Der Rest speist drei städtische Bäder und einige öffentliche Brunnen, ein kleiner Anteil an einer sehr großen Bilanz.
Woher stammt das Wasser, und was passiert ihm unterwegs?
Der Weg beginnt nicht in Stuttgart, sondern im Gäu, in der Gegend um Gärtringen, Sindelfingen und Renningen. Dort versickert Niederschlag im Oberen Muschelkalk, einer rund 80 Meter mächtigen Folge aus Kalk- und Dolomitstein. Kalk ist löslich, und über sehr lange Zeiträume weitet das Wasser die Klüfte, die das Gestein ohnehin durchziehen, zu Karströhren und Spalten. Es gräbt sich sein eigenes Leitungsnetz.
Von dort strömt es nach Osten, unter der Filderebene hindurch, bis in den Stuttgarter Talkessel. Für diese Strecke braucht es 15 bis 20 Jahre. Das Wasser, das heute in Bad Cannstatt austritt, ist vor knapp zwei Jahrzehnten im Gäu versickert.
Unterwegs kommt etwas hinzu, das man dem Wasser nicht ansieht, aber sofort schmeckt. Aus großer Tiefe steigt Gas auf, zu über 90 Prozent Kohlendioxid, und die Spurenstoffe darin verweisen auf Herkunftsbereiche in mehr als 30 Kilometern Tiefe, in der tieferen Erdkruste und im Erdmantel. Dieses Gas ist kein Beiwerk. Es macht das Wasser chemisch aggressiv genug, um Mineralien in einer Menge zu lösen, die reines Grundwasser nie erreichen würde.
Beiträge aus Buntsandstein, Perm und dem kristallinen Grundgebirge kommen hinzu und verschieben die Zusammensetzung weiter. Am Ende schüttet das Vorkommen über 500 Liter pro Sekunde, von denen rund 225 Liter über die artesischen Bohrungen gefasst werden, und trägt dabei rund 60 Tonnen gelöste Salze pro Tag an die Oberfläche. Die Fracht beschreibt dieses System genauer als die Literzahl.
Der Schutz dieses Wassers beginnt weit außerhalb der Stadtgrenzen
Ein Vorkommen, dessen Einzugsgebiet im Gäu und damit außerhalb der Stadtgrenzen liegt, lässt sich nicht innerhalb der Stadt sichern. Genau das erklärt den Zuschnitt der Stuttgarter Schutzverordnung.
Am 11. Juni 2002 setzte das Regierungspräsidium Stuttgart per Rechtsverordnung ein Heilquellenschutzgebiet fest, das 30.062 Hektar umfasst, also gut 300 Quadratkilometer. Es ist in drei Stufen gegliedert, Kernzone, Innenzone und Außenzone, mit abgestuften Auflagen je nach Nähe zu den Fassungen und je nach Gefährdungsrisiko.
Die Auflagen zielen nicht auf Sparsamkeit, sondern auf Unversehrtheit. Grundwasser darf nicht so entnommen werden, dass sich die natürlichen Austrittsverhältnisse verschieben. In der Kernzone sind das Entnehmen, Zutagefördern und Ableiten von Grundwasser ganz untersagt, ebenso das Freilegen von Grundwasser auf einer Fläche von mehr als 500 Quadratmetern. Trinkwasser darf nicht infiltriert werden, weil das den geochemischen Charakter des Mineralwassers verändern würde. Anthropogene Stoffe sind fernzuhalten. Der Leitsatz der Behörde ist unmissverständlich: Bei Eingriffen in den Untergrund hat der Schutz des Mineral- und Heilwassers absoluten Vorrang.
Für eine Landeshauptstadt mit Tunneln, Tiefgaragen und Großbaustellen ist das eine harte Vorgabe. Jede Bohrung, jede Gründung, jede Wasserhaltung im Schutzgebiet steht unter diesem Vorbehalt, und Ausnahmen sind nur zum Wohl der Allgemeinheit und nur unter engen rechtlichen Voraussetzungen möglich.
Der Umkehrschluss ist bemerkenswert. Die Hälfte des Wassers, die ungenutzt in den Neckar läuft, wird nicht deshalb geschützt, weil sie gebraucht wird, sondern weil das System als Ganzes nur funktioniert, solange niemand daran rührt.
Wo sich dieses Wasser tatsächlich anfassen lässt
Drei städtische Bäder machen das Vorkommen zugänglich, das Leuze, das Mineralbad Berg und das SoleBad Cannstatt am Kurpark. Alle drei werden fortlaufend mit frischem Mineralwasser gespeist, und die Badetradition an diesen Quellen reicht mehr als 150 Jahre zurück.
Leuze und das Mineralbad Berg liegen im Stadtteil Berg, das SoleBad auf der anderen Neckarseite in Bad Cannstatt. An einem Nachmittag lassen sich die drei von einem Hotel in Stuttgart aus nicht sinnvoll vergleichen, zwei Tage sind das realistischere Maß.
Wer mehr sucht als ein warmes Becken, fragt vor Ort nach, aus welcher Quelle das Becken gespeist wird. Im Mineralbad Berg sind es sechs, vom Berger Urquell über die Nord-, Süd-, West- und Ostquelle bis zur Mittelquelle. Der Name an der Wand ist der einzige sichtbare Hinweis auf knapp zwanzig Jahre Weg durch den Kalkstein und auf ein Gas, das aus dem Erdmantel gekommen ist.












